• Georg Gassauer

Syrien – das Land der lachenden Toten

Nach Bürgerkrieg und jihadistischem Terror hat nun die Corona-Pandemie Syrien erreicht. Die Syrer versuchen, – oft mit Sarkasmus – auch damit klarzukommen. Sie leiden schon unter Sanktionen, der Wirtschaftskrise und Korruption. Eine Reportage.

Abendverkehr im Zentrum von Damaskus.
Rush hour in Damaskus.

"Eine Maske tragen? Wozu? Wir sind ja schon alle gestorben!" Die umherirrenden Pendler am Al-Qouwatly-Boulevard schmunzeln, wenn Handwerker Abdullah (Name geändert) spricht. Bestimmt richtet er den Blick in die Kamera, ehe sich ein großes Lächeln breit macht. Der Galgenhumor, der in Syrien so präsent ist, erhält hier sein Antlitz.


Ein weißer Kleinbus fährt ein und Abdullah verschwindet im dichten Gedränge, um einen der begehrten Sitze zu ergatterten. Im engen Bus, der im Abendverkehr wegrauscht, trägt niemand eine Maske. Die Szene wiederholt sich im Sekundentakt. War Damaskus bisher eine Zeitreise in die späten 1980er Jahre, so ist es heute ein Sprung in die Vor-Corona-Normalität. Das Vokabular des neuen Jahrzehntes, welches in der ganzen Welt um sich greift, sucht man hier vergebens: Kein Lockdown; kein Social Distancing; keine Maskenpflicht. Das abgeschottete Land wirkt wie eine Insel der Seligen.

Die zweite Viruswelle sei noch nicht zur Gänze hereingebrochen, sagt der syrische Leiter für öffentliche Gesundheit, Taufik Hasaba. Bisher gab es im 17-Millionen-Einwohnerland 12.462 Infizierte und 781 Tote. Man habe von der ersten Welle gelernt, FFP2-Masken und Schutzanzüge seien vorhanden, das Personal umgeschult und die Lage sei – noch – im Griff. Warum also vorzeitig in einen Lockdown gehen und dem Volk noch mehr Leid zufügen, fragt Hasaba rhetorisch.


Oppositionelle Medien werfen der Regierung vor, dass die offiziellen Zahlen geschönt sind und sich viele Menschen nicht in öffentliche Spitäler wagen, da sie dort nur den Tod vorfinden – entweder durch das Virus oder durch den allgegenwärtigen Sicherheitsapparat. Das Gesundheitsministerium dementiert solche Vorwürfe naturgemäß, vom Geheimdienst wolle man nichts wissen. Polizei, die für Sicherheit sorgt, gebe es in jedem Spital der Welt.


Tatsächlich wird bei Gesprächen rasch klar, dass die Regierungsverantwortlichen die offiziellen Corona-Zahlen weniger vertuschen, vielmehr haben sie schlichtweg keine Ahnung, da die Möglichkeiten begrenzt sind. Es gibt keine flächendeckende Teststrategie, nur Menschen mit Symptomen, die ein öffentliches Spital einer Großstadt aufsuchen, werden getestet. Im von der Regierung kontrollierten Gebiet (62 Prozent des Landes) gibt es nur neun PCR-Testgeräte. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO wurden seit März 2020 knapp 160.000 Testungen durchgeführt.


Die meisten der an Corona erkrankten Personen gehen erst gar nicht in ein Krankenhaus oder zum Arzt. Entweder es gibt keines – lediglich 50 Prozent der öffentlichen medizinischen Einrichtungen sind voll einsatzfähig, die 14.569 Krankenhausbetten konzentrieren sich auf Großstädte wie Damaskus, Latakia oder Aleppo. Oder aber sie können sich den Aufenthalt in einem Privatspital nicht leisten, da diese, trotz der hohen Kosten von etwa 250 US-Dollar pro Nacht, ausgebucht sind. Ein durchschnittliches Monatsgehalt beträgt umgerechnet ca. 20 Dollar.

Die Coronastation im Al Mujtahid Krankenhaus in Damaskus. Bislang wurden im 19 Millionen Einwohnerland, nur 160.000 Menschen getestet.
Die Coronastation im Al Mujtahid Krankenhaus, Damaskus, Syrien

Selbst an Corona erkrankt zu sein oder so jemanden bei sich leben zu haben, ist ein Stigma, das schnell zum Verlust der Arbeit führen kann. In einem Land, in dem jede dritte Person Tagelöhner ist, führt dies dazu, dass potenziell infizierte Personen nicht gemeldet werden. Oft teilen sich mehrere Generationen oder verschiedene Familien eine Wohnung, wodurch sich das Virus drastisch ausbreiten kann.


Akjemal Magtymova, Leiterin der WHO-Stelle in Damaskus, präzisiert weitere Schwierigkeiten: Obwohl medizinisches und humanitäres Gut von den internationalen Sanktionen ausgenommen ist, weigern sich zunehmend Zulieferer und Speditionen nach Syrien zu exportieren. Zum einen ist das Einholen von Genehmigungen bei europäischen und US-Behörden zu aufwändig und kostspielig. Zum anderen, ergänzen Mitarbeiter vom Danish Refugee Council, überweisen Banken weniger Geld nach Syrien, da es an vertrauenswürdigen Korrespondenzbanken fehlt. Zu groß ist das Risiko, auf einer Terrorfinanzierungsliste zu landen.


Die Leiterin der WHO und ihre Kollegen von internationalen NGOs begehen mit solchen Einschätzungen eine Gratwanderung. Sie erzählen von Kausalitäten, die im Westen kaum Gehör erlangen, weil es den Propagandisten in Damaskus zu Gute kommt. Seit den 1970er Jahren macht Syriens Regierung für alle sozialen und wirtschaftlichen Missstände diverse internationale Sanktionen verantwortlich. Dem sozialistischen Messaging der 1980er treu geblieben hallte es bis vor Kurzem, der Wille des syrischen Volkes sei stärker, als die „große Belagerung“.


Syrisches Pfund im Sturzflug. Doch der Ton hat sich geändert, klingt sogar verzweifelt. Nach zehn Jahren Bürgerkrieg hat zusätzlich die Bankenkrise im Libanon einen zweistelligen Milliarden-Dollar-Betrag an syrischen Staatsanleihen verschlungen. Die weltweite Rezession und die Reisebeschränkungen brachten die Rücküberweisungen von Migranten aus Europa zum Erliegen und seit Juni 2020 greifen die von der Trump-Administration erschaffenen Caesar-Sanktionen. Diese sollen maximalen Druck auf die Führung und die Elite des Landes ausüben. Betroffen sind nicht nur syrische Staatsbürger und ihre britischen Angehörigen, sondern auch all jene Unternehmen, die den Wiederaufbau oder die Benzinförderung im Land unterstützen.


Der Wert des syrischen Pfunds gegenüber dem US-Dollar befindet sich im Sturzflug. Der offizielle Wechselkurs zum Dollar beträgt 1.400 Pfund. Der Schwarzmarktkurs, also der für das Land relevante, liegt bei 2.800 Pfund. Vor dem Krieg bekam man einen Dollar für 50 Pfund. Die Warenpreise sind seit Juni um 250 Prozent angestiegen, die Gehälter hingegen passen sich nicht der Inflation an, für den Großteil der Bevölkerung ist das Leben unfinanzierbar geworden. Das wirkt sich vor allem auf die Ernährung der Menschen aus. Matthew Hemsley, Sprecher von OxFam in Damaskus, weist darauf hin, dass Syrer immer weniger Fleisch essen und Erwachsene zunehmend auf Mahlzeiten verzichten, um ihren Kindern mehr zu überlassen.


Die Lebensmittelpreise sind um 250% gestiegen. Darunter leiden auch die Händler. Sie bestätigen das die Kaufkraft nachgelassen hat.
Grossmarkt in Damaskus, Syrien

In den Ghettos der Städte stehen Menschen dicht aneinandergedrängt häufig drei Stunden an, um bei einer staatlich geförderten Bäckerei zwei Kilo Fladenbrot kaufen zu können. Da der Weizenpreis an den Wechselkurs gekoppelt ist, wird weniger Weizen eingekauft und ausgeliefert. Wegen der Krise hat die Regierung elektronische Essensmarken (Smart-Cards) eingeführt. Die decken den Tagesbedarf jedoch bei weitem nicht ab: Der Rationsbedarf wird an einer vierköpfigen Familie gemessen, syrische Familien bestehen meist aus mehr Personen.


Auf den Prachtboulevards von Damaskus macht sich auch eine andere Not bemerkbar. Kilometerlange Kolonnen von gelben Taxis und weißen Kleinbussen vor Tankstellen, um 16 Liter staatlich geförderten Treibstoff zu kaufen. Taxifahrer erzählen, sie müssten oft in ihren Autos übernachten, können dann höchstens einen Tag arbeiten, bevor sie sich erneut einen Tag anstellen müssen, um Benzin zu ergattern. Entlang der wiedereröffneten Autobahn M5 zwischen Idlib und Aleppo ist die Lage besonders angespannt. Wer nach Einbruch der Dunkelheit noch vor einer Tankstelle steht, läuft Gefahr, am Heimweg in einen islamistischen Hinterhalt zu geraten.


Laut Hamsley hat sich die humanitäre Lage im vergangenen Jahr deutlich verschlechtert, obwohl in weiten Teilen des Landes die Gewalt weniger geworden ist. Elf Millionen Syrer sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, davon sind 9,3 Millionen von Hunger bedroht, ein Zuwachs von 1,4 Millionen gegenüber 2019. Der Staat bietet keine ernstzunehmende finanzielle Corona-Unterstützung, die staatlichen Pro-Kopf-Ausgaben sind 2021 auf 227 Dollar geschrumpft, die geringsten seit 2011. Nicht enthalten sind in der Statistik die eklatant hohen Militärausgaben.

Die Krise der Menschen hat sich auf alle Lebensbereiche ausgeweitet, die Aussichtslosigkeit schwappt langsam in eine spürbare Wut um. Öffentliche Kritik an Präsident Bashar al-Assad ist zwar nach wie vor ein Tabu, in Form von Shitstorms in sozialen Medien geraten jedoch zunehmend Regierungsmitglieder oder hohe Parteiangehörige ins Visier der traumatisierten Bevölkerung. Das ist neu. Ebenso neu daran ist, dass sich diese öffentlich entschuldigen müssen. Die Regierenden wissen zu gut, dass sie in der jetzigen Situation vorsichtiger als sonst agieren müssen.


Nicht alle Missstände lassen sich mit den Sanktionen begründen, wie das die Regierung tut. Dilettantentum, Misswirtschaft und Korruption sind allgegenwärtig, tragen zum Leid bei und verschärfen die Krise. Regierungsmitglieder, ranghohe Militärs und deren Familien sind laut Europäischem Auswärtigen Dienst häufig an der profitablen Kriegswirtschaft beteiligt. Kosten die 16 Liter Benzin an einer offiziellen Tankstelle 10.000 Pfund, sind sie am Schwarzmarkt für 30.000 Pfund und einer Wartezeit von wenigen Minuten erhältlich; braucht ein (privates) Krankenhaus Ersatzteile, werden sie über Umwege in kürzester Zeit geliefert; an all diesen Transaktionen sind die, die auf den Sanktionslisten stehen, in der einen oder anderen Form beteiligt.





Zugleich wird sich die prekäre Situation in den Spitälern so rasch nicht ändern. Durch das COVAX-Programm der WHO wird Syrien Zugang zu Covid-Impfstoffen haben, die WHO ist dennoch besorgt. Nur 20 Prozent der Bevölkerung können durch das Programm geimpft werden. Und für den Rest? In-Shah-Allah. Auf Gott berufen sich nahezu alle, die gefragt werden, ob sie Angst vor Corona haben. Auf Gott berufen sich Syrer schon lange, denn wer den Krieg, jihadistischem Terror und diesen Frieden überlebt hat, der hat ein anderes Verhältnis zum Tod.

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